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Sturmböen und gefrorener Mist

Der Mosellauf im Spiegel der Literatur

Seit der segensreichen Einführung der Rieslingrebe in das Weinbaugebiet der Mosel ist es mit der dichterischen Würdigung der Landschaft nicht mehr gut bestellt. Die Folgen des guten Rieslings: "Wir genossen des köstlichsten Moselweins" (Goethe, 1792). Direkter, und ohne vornehmen Genitiv: "Wir soffen uns langsam den Fluß hinab" (Tucholsky, 1930). Die durch den Weinkonsum hervorgerufenen Gedächtnislücken ließen kein umfangreiches literarisches Werk von Rang mehr entstehen.

Anders noch bei den alten Römern: Auch damals war der Weinbau bereits verbreitet, da Trier jedoch Hauptstadt des Westreiches war, verblieben die Dichter nach ihren Zechtouren länger in der Moselgegend. Einer von ihnen, Decimus Magnus Ausonius, verfaßte um das Jahr 370 n. Chr. die Mosella. In 483 Hexametern hielt Ausonius seine Eindrücke fest.
Man sollte es kaum für möglich halten, daß ein Text, der mit den Zeilen beginnt:
 


    Transieram celerem nebuloso flumine Navam
    Addita miratus veteri nova moenia Vinco,
 
etwas mit der sanft und blaugrün vor sich hin fließenden Mosel zu tun haben könnte.
Bei näherem Weiterlesen stellt sich jedoch heraus, daß der gute Ausonius von den Nebelbänken der "schnellen Nahe" bald ins sonnenbeglänzte Moseltal kam und die fleißigen Winzer beschreiben konnte.
 

    Summis quippe iugis tendentis in ultima clivi
    Conseritur viridi fluvialis margo Lyaeo.
    Laeta operum plebes festinatesque coloni
    Vertice nunc summo properant, nunc deiuge dorso,
    Certantes stolidis clamoribus. (...)
    Bis dort, wo der Hügel hoch oben am Joch schon himmelwärts strebt,
    bis dorthin ist der Uferrand mit grünem Wein bepflanzt.
    Das Volk, das froh hier bei der Arbeit ist, und die geschäftigen Winzer
    sind flink bald oben am Gipfel, bald dort, wo sich der Abhang neigt,
    wetteifernd mit albernen Juchzern.
    Übersetzt von Walter John


Das ausgelassene Juchzen ist den Winzern inzwischen vergangen, vor allem "hoch oben am Joch" bleiben immer mehr Weinberge verwildert liegen.
Nicht nur das hat sich geändert. Ausonius beschreibt das Moselwasser als sehr angenehm zum Trunk, er ziehe es selbst dem kühlsten und schmackhaftesten Brunnen vor. Kein Wunder, daß sich in seiner "Mosella" noch so viele Fische tummeln. Lachse, Eschen, Barben, Salmen, Barsche, Schleien und Hechte hat er darin gesehen und ausführlich beschrieben. Da Ausonius ein sehr gebildeter Mann war und nebenbei Kaiser Gratian erzog, wußte er, (um einen alten Kalauer nicht auszulassen), die Namen der Fische sogar auf Lateinisch.
Bei soviel antiker Gelehrsamkeit baute Ausonius "ein ganzes Nest rhetorischer Gemeinplätze" (Walter John), jedoch mit einigen Stellen, die noch heute das Herz eines jeden Moselaners höher schlagen lassen.
 


    Illa fruenda palam species: cum glaucus opaco
    Respondet colli fluvius, frondere videntur
    Fluminei latices et palmite consitus amnis.
    Quis color ille vadis, seras cum propulit umbras
    Hesperus et viridi perfundit monte Mosellam!
    Tota natant crispis iuga motibus et tremit absens
    Pampinus et vitreis vindemia turgit in undis.
    Annumerat virides derisus navita vites,
    Navita caudiceo fluitans soper aequora lembo
    Per medium, qua sese amni confundit imago
    Collis et umbrarum confinia conserit amnis.

    Jenen Anblick aber darf man frei und gern genießen:
    wenn im blauen Strom der Hügel dunkles Grün sich spiegelt,
    dann sieht es so aus, als grünten die Wasser des Flusses,
    und traun! im Strom selbst scheint die Rebe angepflanzt zu sein.
    Und welch ein Farbenspiel ist das erst auf den Wassern,
    wenn seine späten Schatten der Abendstern schon sandte und dann den Moselstrom gleichsam im Grün der Berge badet!
    Die ganzen Hügel schwimmen da in schwankender Bewegung, es zittert
    das Weinlaub, das ja hier nicht wächst, und Trauben dehnen sich in den kristallnen Wogen.
    Da läßt sich der Schiffer zum besten halten und zählt diese grünen Reben
    noch mit, der Schiffer, der im Einbaumkahn hin über die Wellen gleitet
    inmitten des Flusses, dort wo des Hügels Bild mit dem des Stromes
    ineinander verschwimmt und wo der Fluß verschmelzen läßt der Schatten sich treffende Grenzen

    Übersetzt von Walter John
 
Dann war es wohl ziemlich lange ruhig in der Moselgegend, und kein namhafter Dichter hat mehr einen Abstecher vom Rhein zu dem beschaulichen Nebenfluß gemacht. Statt dessen fiel das praktisch denkende Volk der Reisejournalisten in den abgelegenen Landstrich ein. Johann Herrmann Dielheim verfaßte 1781 den
 

    Antiquarius der Neckar-, Main-, Mosel- und Lahnströme,
    oder
    Ausführliche Beschreibung dieser vier in den Rheinstrom einfallenden Flüssen.
    Welche deren Ursprung, mit allen deren Einflüssen, und den daran gelegenen Städten und Dörfern, auch wo sie sich endlich verliehren, darstellet.
    Zum Nutzen der Reisenden, und Liebhabern sehenswürdiger Alterthümer, die sich hin und wieder daran befinden.
 
Ob der Antiquarius besonders in Holland Verbreitung fand, ist nicht überliefert. Auch geht aus Dielheims Titel nicht eindeutig hervor, ob sich vor 200 Jahren hin und wieder Reisende, oder sehenswerte Altertümer an der Mosel befanden. Warum die Touristen den Weg an den Fluß unternahmen, ist jedoch klar:
 

    Vornemlich wird die Mosel wegen ihrer guten und schönen Weine, so an ihrem Ufer und auf den umliegenden Bergen wachsen, in Betrachtung gezogen, wie folgende Verse an den Tag legen:
    Vinum Mosellanum fuit omni tempore sanum
    Vinum Rhenense decus et gloria mensae
    das heißt
    Der Moselwein war stets dem Leib gesund und gut
    Doch Rheinwein ziert den Tisch und giebt den Gästen Muth.
 
Der besondere Reiz an einer Moselfahrt lag damals auch darin, daß jede Flußschleife in einen anderen herrschaftlichen Sprengel führte. Ein besonderes Kuriosum stellte in den Augen des Antiquarius das Kröver Reich dar:
 

    Dieses ist ein kleines mit besondern Marksteinen bezeichnetes Ländgen, oberhalb Trarbach, doch jenseit des Moselstroms. In dem dreyzehenden Jahrhundert, hat solches zu den Reichsgütern, mithin den römischen Königen und Kaisern allein zugehöret, daher es dann auch kommt, daß die darzu gehörigen Unterthanen noch vor freye Reichsbürger wollen gehalten seyn. (...) Der seit dem Jahr 1594 darüber beym Kaiserlichen und Reichskammergerichte entstandene Proces ist noch nicht zu Ende.
 
Fast 200 Jahre lang prozessieren? Kein Wunder, daß das Volk bei solchem Fürstensport allmählich die Geduld verlor. Der literarischen Erwähnung der Mosel kam das nur zugute, denn in den Wirren der Französischen Revolution verschlug es keinen Geringeren als Johann Wolfgang von Goethe in die Moselgegend. Auf dem Rückzug von der Campagne in Frankreich entschloß sich Goethe dazu, den beschwerlichen Landweg zwischen Trier und Koblenz durch eine Flußfahrt zu verkürzen. Wie es sich für seine empfindsame Natur gehörte, geriet er auf der Fahrt bei einbrechender Dunkelheit in schwere Seenot:
 

    Es ward stockfinster; eingeengt wußten wir uns zwischen mehr oder weniger steilem Ufer, als ein Sturm, bisher schon ruckweise verkündigt, gewaltsam anhaltend hereinbrach; bald schwoll der Strom im Gegenwinde, bald wechselten abprallende Windstöße niederstürzend mit wütendem Sausen; eine Welle nach der anderen schlug über den Kahn, wir fühlten uns durchnäßt. Der Schiffmeister barg nicht seine Verlegenheit; die Not schien immer größer, je länger sie dauerte, und der Drang war aufs höchste gestiegen, als der wackere Mann versicherte, er wisse weder wo er sei, noch wohin er steuern solle.
    (...) Und so wurden wir im Stockfinstern lang hin und her geworfen, bis sich endlich in der Ferne ein Licht und damit auch Hoffnung auftat. Nun wurde nach Möglichkeit drauf los gesteuert und gerudert.
 
Die Sache ging bekanntlich gut aus. Goethe brachte der nächtliche Zwischenstopp einige Tropfen "köstlichsten Moselweins" und zwei Matratzen für seinen Kahn, der Stadt Trarbach eine Gedenktafel am Hause des Kaufmanns Böcking ein. "In diesem Haus weilte ...".
Als Goethe weg war, kamen erst die Franzosen, dann die Romantik. Nachdem die Preußen sich die Rheinprovinz unter ihren bürokratischen Nagel gerissen hatten, kam schließlich das Elend. Wenn sich schon der gebürtige Trierer Karl Marx mit seinen Landsleuten beschäftigen mußte, hatte das nichts Gutes zu bedeuten. Als Redakteur der Rheinischen Zeitung untersuchte er in einer Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel die Notlage der Moselwinzer in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts.
 

    Innerhalb des ganzen Zusammenhangs wird sich dann ergeben, in wiefern meine Behauptung: "Der desolate Zustand der Winzer war höhern Orts lange Zeit in Zweifel gezogen und ihr Nothgeschrei für freches Gekreisch gehalten worden", eine Wahrheit oder eine Unwahrheit ist.
 
Marx kam zu dem Schluß, daß Behördenwillkür und Unterdrückung der freien Presse zur anhaltend schlechten Situation der Moselwinzer beigetragen hätten, woraufhin die preußischen Zensoren seine Rheinische Zeitung ebenfalls verboten. Tatsächlich hatten mehrere Mißernten, hohe Steuern und die Erbteilung die Verarmung der kleineren Weinbaubetriebe verursacht. Genügend Gründe, um auch in den Gebieten zwischen Eifel und Hunsrück viele Menschen zur Auswanderung zu bewegen.

Der wirtschaftliche Aufschwung nach der Reichsgründung von 1871 ging jedoch auch an der Mosel nicht spurlos vorüber. Mit der neuen "Kanonenbahn" von Berlin nach Metz ließen sich auf dem Rückweg auch Fässer transportieren, was dem Weinhandel zu ungekannter Blüte verhalf. Noch legendärer als die Kanonenbahn wurde jedoch das "Saufbähnchen", eine Kleinbahn, die seit 1905 den Moselabschnitt zwischen Trier und Bullay mit dem Eisenbahnnetz verband. Anfang Oktober 1929 setzte sich auch Kurt Tucholsky mit seinen Freunden Karlchen und Jakopp in diesen Zug.
 


    An der Mosel ging es noch an. Wir soffen uns langsam den Fluß hinab, wir fuhren mit dem Saufbähnchen von Trier nach Bulley hinunter, und auf jeder dritten Station stiegen wir aus und sahen nach, wie es mit dem Weine wäre. Es war.
 
In einer der zahlreichen Trinkpausen ließen sie sich von einer Moselschönheit bewirten.
 

    Sie war so schön, daß mir, als ich sie an diesem Nachmittage zum ersten Male sah, die Pfeife ausging; das geschieht alle Jahr nur dreimal: diesmal also in den "Drei Königen" zu Bernkastel - so schön war sie. (...) Wir nahmen dies zur Kenntnis und stiegen in den Mosel - erst in den offenen, dann in einen jungen, frischen, dann in einen alten, goldgelben, der sehr schwer war. Es ging schnell mit uns; Mosel ist kein so bedächtiger Wein wie der Rheinwein oder der Steinwein ... es ging sehr schnell. Wir hatten auch schon am frühen Nachmittag gemoselt - wir tranken unmittelbar in den Dämmerschoppen hinüber, vielleicht war es das. Karlchen und Jakopp saßen da und tranken, was sie konnten - und sie konnten! Ich saß da, zündete mir die Pfeife an, die ausgegangene, rauchte ... und sah Marietta an, ich sah sie immerzu an.
 
Auch ein anderer Schriftsteller hat sich die Moselanerinnen näher angesehen, jedoch nicht mit einem solch verträumten Blick wie Tucholsky. Der Schriftsteller Rudolf G. Binding lernte bei seiner Flußwanderung in Cochem ein liebliches Gewächs der Landschaft kennen, das sich gerade auf einer Moselfahrt aus Liebeskummer befand. Bei ihrer Beschreibung ließ sich der Dichter weniger von einem Rosengarten, sondern eher von einem Pferdemarkt inspirieren:
 

    Ich staunte sie an. Denn so wundervolle Zähne, eine solch perlende, herrliche, geschwungene Doppelbalustrade eines Gebisses - was sage ich: einer Beißzange, hatte ich, so viel ich wußte, mein Lebtag nicht gesehen. (...) Die Frau bestritt mit ihrer Zahnherrlichkeit ihr ganzes Wesen, ihre ganze Schönheit.
 
Die so unvergleichlich Besungene besaß noch ganz andere Vorzüge, unter anderem einen schnittigen Zweisitzer. Der "gepflegte Kulturdichter" (Tucholsky über Binding) hatte vermutlich vom langen Marsch des Vortages noch Blasen unter den Füßen und nahm gerne neben ihr auf dem Beifahrersitz Platz. Während sie das Steuer lenkte, dichtete er sich heimlich einen.
 

    Die Mosel liegt abseits. Auch ihre Schönheit, ihre Reize sind abseits. Fast könnte man sagen: fremd. Fein, zart, unmerklich ist ihr Zauber, den dennoch jeder Empfindende an sich erfährt. Er ist sanft, aber sehr eigen. Er ist stark, aber verhalten. Er ist eindringlich, aber stille. Er ist licht, aber gedämpft. Er ist tief, aber ungewöhnlich. Er ist bestimmt, aber nicht handgreiflich. Er ist unvergeßlich, aber leicht.
 
Nach der Ankunft in Trier ließ das Gebiß den alternden Charmeur Binding offensichtlich abblitzen. Hatte er handgreiflich werden wollen, oder gar eindringlich? Wir wissen es nicht. Da in der gesamten Geschichte von vorne bis hinten nichts passiert, war sie die ideale Vorlage für einen Heimatfilm in den 50er Jahren. Immerhin mit Kurt Hoffmann als Regisseur und Will Quadflieg in der Hauptrolle.

Aus einer ganz anderen Perspektive lernte der Journalist und Schriftsteller P. C. Ettighoffer die Mosel im Jahre 1931 kennen. Als Tippelbruder verkleidet zog er von seiner Heimatstadt Köln aus zunächst den Rhein und anschließend die Mosel hinauf. Dort lernte er die unterschiedlichsten Landstreicher und Bewohner kennen, die ihn mehr oder weniger gut behandelten. Das Resümee seiner Erlebnisse, die zunächst im Kölner Stadtanzeiger und später in dem Buch Servus Kumpel veröffentlicht wurden, lautete:
 


    Es gilt nun, Abschied zu nehmen!
    Das spießbürgerliche Leben ruft mich zurück.
    Seid mir gegrüßt, ihr, die mir Gutes tatet, besonders du, reizendes "Herzchen" und Geburtstagskind von Koblenz, und du brave und tüchtige Hotelköchin aus Briedel, wo es so leckere Frikadellen gibt, und ihr guten Leute aus Reil, dem tausendjährigen Weindorf, und ihr ans Bernkastel und Trier. Ihr habt mich nicht darben lassen und habt euch meiner Schäbigkeit erbarmt.
 
Ein eher düsteres Bild des Landstrichs zeichnete um dieselbe Zeit die fast vergessene Schriftstellerin Clara Viebig. Die goldenen Berge heißt der Roman, der nur einen einzigen Zweck zu haben scheint: Den Sturm auf des Bernkasteler Finanzamt vom 25. Februar 1926 zu erklären, besser gesagt zu "entschuldigen". Damit die Moselwinzer die moralische Legitimation haben, sich in diesem Gewaltakt ihrem Zorn Luft zu verschaffen, läßt Viebig sie vorher jahrelang darben. Sie schildert das Leben der Moselwinzer als eine einzige Mühsal und Plage, sie waren die schlesischen Weber der zwanziger Jahre.
Mißernten, Hochwasser, Weinsteuer, Republik: die Schicksalsschläge prasselten auf die Winzer nur so herab. Hilfe wurde von der Regierung in Berlin erwartet:
 

    Oh, daß die Herren aus Berlin doch nur einmal einen einzigen Tag bei dem weniger großen, bei dem kleinen und kleinsten Winzer verweilten! In der kinderreichen Stube säßen, in der die Kleinen nicht Schuhe, nicht Strümpfe anhaben, auf dem kahlen gestampften Lehmboden der Säugling ohne wärmendes Höschen mit nackten Schenkeln herumrutscht! (...) Oh, daß sie jene Stufen hinabkröchen, die, finster und ausgetreten, in jene Keller führen, die nach nichts, nach gar nichts aussehen, und doch voll sind von Fässern mit Wein, von unverkäuflichem Wein. (...)
    Und sagt doch nicht: der Kleinbesitz, der ist unrentabel, der ist die Wurzel von allem Übel. Damit gebt ihr jedem von uns einen Schlag ins Gesicht. Der Kleinbesitz soll keine Berechtigung haben, warum nicht?! In Simon Bremm flammte es auf: hatte nicht der geringste Wurm das Anrecht, über die große Erde zu kriechen, der kleinste Vogel flog berechtigt frei in der weiten Luft - nur dem kleinen Winzer wollte man sein Plätzchen verwehren? Ha, nur so ein paar hundert Stöcke! Aber er hat sie ererbt. Und er hat nichts anderes erlernt, als sie zu betreuen. Und es liegt ihm im Blut - er kann sich kein anderes geben - das hat nun einmal die Liebe für sie. Seine paar Stöcke! Sie sind ihm sein Leben, nimmt man sie ihm, so schlägt man ihn tot.
 
Schließlich waren die Winzer so aufgebracht, daß sie in Scharen zu Versammlungen an der Mosel zusammenströmten und Resolutionen nach Berlin telegraphierten. Bei einer großen Kundgebung in Bernkastel vor dem Landratsamt entlud sich die angestaute Wut gegen die verhaßte Finanzbehörde.
 

    Und um ihn plötzlich ein Wirrwarr - Arme, Beine, Köpfe, Leiber, alles in Bewegung - gewaltiger Stoß von hinten, alles fliegt voran. Kein Halten mehr. Empörte Massen, längst erbittert, verzweifelt, von Not hergetrieben, jetzt aber von Wut gepackt, stürzen sich gegen das Finanzamt.
    Wo steckt der Obersekretär, der Kerl, der einen so oft umsonst herbestellt hat, der einen gepiesackt hat wie der leibhaftige Teufel? "Gebt ihn heraus den Lump! Der bekommt jetzt seine Dresche!"
    Vergebens suchen die paar Landjäger, die paar Polizisten Einhalt zu tun und den Eintritt zu verwehren. Es fliegen Steine. Kam der erste Stein oben vom Weinberg oder unten von der Straße herauf.? Ein Fenster im ersten Stock geht klirrend in Scherben, die Menge jubelt. Tosender Beifall, lautes Gebrüll. (...)
    Das waren keine friedlichen Winzer mehr, keine Männer mehr, die nicht einer Fliege etwas zu leid taten, das waren Verrückte, Tolle, die gereizt waren wie Stiere durch ein rotes Tuch. Sie benahmen sich sinnlos - Unglückliche, vom Verstand völlig Verlassene.
 
Ein wenig kleinlaut mußte auch Clara Viebig am Ende des Romans zugeben, daß die Winzer mit ihrem staatsfeindlichen Aufbegehren Erfolg hatten: Die Weinsteuer fiel, Kredite und Steuern wurden gestundet, Handelsverträge mit ausländischen Weinexporteuren gekündigt. Mit der Mosel ging es wieder bergauf. In der reichsdeutschen Presse hatten sich die Winzer damit aber wenig Freunde gemacht. Die "Weltbühne" schrieb im Februar 1927 rückblickend:
 

    Die deutschen Winzer sind Radaumacher, die den Steuerbehörden die Fenster einschlagen, nachdem sie, nach den Berechnungen der Handelskammer Essen, im Jahre 1925 auf den verschiedensten Wegen mit rund 90 Millionen Mark vom Reich subventioniert worden sind und im letzten Jahr abermals einen Dreißigmillionenkredit bekommen haben. Auf eine Rückerstattung dieser Kredite rechnet das Reichsfinanzministerium selbst dann nicht mehr, wenn auch gleichzeitig die 'Germania', das Blatt der Winzerpartei, Berichte über unerhörte Rekordpreise bei den letzten rheinischen Weinversteigerungen bringt. Die deutschen Winzer sind zwar ihrer Zahl und ihrer Produktion nach innerhalb der Volkswirtschaft eine Null, aber sie können sich jeden Scherz erlauben; denn hinter ihnen steht das Zentrum, und die anderen Parteien sagen, aus Angst vor der Konkurrenz, zu allem Ja und Amen.
 

Weniger Erfolg mit einer flammenden Kritik hatte Kurt Tucholsky, der sich 1929 das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck näher betrachtet hatte. Ein Schrei der Empörung ging nach der Veröffentlichung der folgenden Zeilen durch's national gesinnte Deutschland. Doch umsonst: erst ein amerikanischer Soldat erhörte 1945 die Bitte Tucholskys und schoß den Kaiser Wilhelm von seinem hohen Podest.
Jedoch nicht für immer: 1993 ließ ein generöser Spender, ausgerechnet ein Zeitungsverleger, den alten Hohenzollern wieder auferstehen. Hätte er doch vorher diesen Text gelesen:
 


    Wir gingen auf der breiten, baumbestandenen Allee; vorn an der Ecke war eine Fotografenbude, sie hatten Bilder ausgestellt, die waren braun wie alte Daguerrotypien, dann standen da keine Bäume mehr, ein freier Platz, ich sah hoch ... und fiel beinahe um.
    Da stand - Tschingbumm! - ein riesiges Denkmal Kaiser Wilhelms des Ersten: ein Faustschlag aus Stein. Zunächst blieb einem der Atem weg.
    Sah man näher hin, so entdeckte man, daß es ein herrliches, ein wilhelminisches, ein künstlerisches Kunstwerk war. Das Ding sah aus wie ein gigantischer Tortenaufsatz und repräsentierte jenes Deutschland, daß am Kriege schuld gewesen ist - nun wollen wir sie dreschen! In Holland.
    Zunächst ist an diesem Monstrum kein leerer Fleck zu entdecken. Es hat die Ornamenten-Masern.
    Oben jener, auf einem Pferd, was: Pferd! auf einem Roß, was: Roß! auf einem riesigen Gefechtshengst wie aus einer Wagneroper, hoihotoho! Der alte Herr sitzt da und tut etwas, was er all seine Lebtage nicht getan hat: er dräut in die Lande, das Pferd dräut auch, und wenn ich mich recht erinnere, wallt irgend eine Frauensperson um ihn herum und beut ihm etwas dar. Aber da kann mich meine Erinnerung täuschen ... vielleicht gibt sie dem Riesenpferdchen nur ein Zuckerchen. Und Ornamente und sich bäumende Reptile und gewürgte Schlangen und Adler und Wappen und Schnörkel und erbrochene Lilien und was weiß ich ... es war großartig. Ich schwieg erschüttert und sah Jakoppn an.
    "Ja", sagte Jakopp, "das ist das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck."
    Richtig, da floß noch ein zweiter Fluß in den ersten Fluß, und es war, wenn man von den Fabrikschornsteinen absah, eine hübsche Gegend, viel zu hübsch für dieses steinerne Geklump, für diesen Trumm, diesen Trubas von einem Denkmal. "Was ... wie ..." stammelte ich ergriffen. Da hörte ich dieses leise Stimmchen an meiner Linken, ein Knabe war mir unversehens genaht, er hatte wohl meine Ratlosigkeit bemerkt, und er sprach: "Soll ich Ihnen mal das Denkmal erklären -?" Rasches Erfassen der Kriegslage ziert den SA-Mann, und ich sprach: "Erkläre mir mal das Denkmal."
    Da sah der Knabe überall hin, nur nicht auf den Tortenaufsatz, er schlief im Stehen, seine Augen hatten den Ausdruck einer friedlich grasenden Kuh, ich hatte so etwas noch nie bei einem Menschen gesehen. Er sprach mit modulationsloser, quäkender Stimme. Und weil dieses arme Kind solches nicht alleine tat, sondern vier oder fünf seiner Kollegen, wie ich später sah, den ganzen Sonntagvormittag lang gewerbsmäßig dasselbe ausübten, vor dem Denkmal und weiter unten, vor dem Hotel und überall, so habe ich das, was sich die Knaben eingepaukt hatten, mehrere Male hören können. Nach Verabreichung mehrerer Gläser guten Weins zwecks Auffrischung des Gedächtnisses läßt sich das etwa folgendermaßen an:
    "Dieses Denkmal wurde gegründet im Jahre 1897; es stellt dar den berittenen Kaiser Wilhelm den Ersten, sowie auch eine Siegesgöttin benebst der besiegten Feinde. Die Siegesgöttin ist nach verlorenen Kriegen ein Friedensengel und hat eine Flügelbespannung von fünf Meter in die Breite. Das Denkmal wiegt fünf Millionen Kilogramm und hat einen Flächeninhalt von 1200 Quadratmetern, daher ist es ein großes Kunstwerk. Auf dem Grundsockel erhebt sich der Sockel, auf dem das Denkmal aufgebaut ist; auf diesem Sockel steht der richtige Sockel, und auf diesem der Untersockel, worauf sich der Denkmalssockel erhebt. Die Künstler, die an dem Denkmal schuld sind, heißen Schmitz und Hundrieser. Der Spruch, der in das Denkmal eingelassen ist, besagt: 'Nimmer wird das Reich zerstöret, wenn ihr einig seid und treu.' Die Köpfe der Seeschlangen bedeuten Deutschlands Feinde, der Granit der Söckel ist aus dem Schwarzwald. Die Mosel fließt hinter dem Denkmal, ihre Strömung ist hier besonders schnell, weil sie an dem Denkmal vorbei muß. Das Denkmal ist in der Regierungszeit Kaiser Wilhelms des Zweiten eröffnet worden und hat daher zwei Millionen Mark gekostet. Das ist das Denkmal am Deutschen Eck." (Große Trinkgeldpause.)
    Wie ich in den Zeitungen gelesen habe, sind die Reden, die sie nach dem Abzug der Schmach gehalten haben, genauso gewesen wie das Denkmal. Aber könnt ihr euch denken, daß sich jemals eine Regierung bereit fände, einen solchen gefrorenen Mist abzukarren -? Im Gegenteil, sie werden gar bald ein neues Mal errichten: das Reichsehrenmal. Wenn es errichtet ist, werden rotzgenäste Knaben hingehn und es uns erklären: die Gastwirtschaften ringsherum werden voll sein, und in den Massengräbern zu Nordfrankreich wird sich ein Geraune erheben:
    "Wofür -? Dafür."

 

Mit dem Deutschen Eck ist nicht nur die Mosel, sondern auch dieser kleine literarische Rückblick zu Ende. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, denn die Mosel hat noch viele weitere Spuren in der Welt der Bücher hinterlassen.

Eine Liste mit lieferbaren Regionalromanen, auch mit Neuauflagen von Clara Viebigs Erzählungen, gibt es beim Rhein-Mosel-Verlag.

Wer die zitierten Texte komplett lesen will, finde hier die entsprechenden Quellenangaben:

JOHN, WALTER: Ausonius Mosella: Mit einer Einführung in die Zeit und die Welt des Dichters. Übersetzt und erklärt von Walter John. Gekürzter Nachdruck der ersten Auflage von 1932. Trier 21980

DIELHEIM; JOHANN HERRMANN. Antiquarius der Neckar-, Main-, Mosel- und Lahnströme, oder Ausführliche Beschreibung dieser vier in den Rheinstrom einfallenden Flüssen. Welche deren Ursprung, mit allen deren Einflüssen, und den daran gelegenen Städten und Dörfern, auch wo sie sich endlich verliehren, darstellet. Zum Nutzen der Reisenden, und Liebhabern sehenswürdiger Alterthümer, die sich hin und wieder daran befinden. Frankfurt am Main 1781

GOETHE, JOHANN WOLFGANG VON: "Campagne in Frankreich". In: Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Band 10, Autobiographische Schriften II. München 1998, S. 299

MARX, KARL: "Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel". In: Karl Marx/Friedrich Engels Gesamtausgabe (MEGA). Band 1. Berlin 1975, S. 296-327

MORUS: "Wasser und Wein". In: "Die Weltbühne", 23, Nr. 8 (22.2.1927), S. 308f.

TUCHOLSKY, KURT: "Denkmal am Deutschen Eck". In: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Band 8, 1930. Reinbek 1995, S. 20-23

TUCHOLSKY, KURT: "Fräulein Marietta". In: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Band 8, 1930. Reinbek 1995, S. 164-167

BINDING, RUDOLF G.: Moselfahrt aus Liebeskummer. Hamburg 1949

ETTIGHOFFER, P. C.: Servus Kumpel. Als Landstreicher durch Städte, Dörfer und Herbergen. Gilde-Verlag Köln, 1932

VIEBIG, CLARA: Die goldenen Berge. Stuttgart 11927


© Friedhelm Greis, 6/2000

 

Zum Anfang dieser Seite Zuletzt aktualisiert am 18.November 2007   © Friedhelm Greis