Goldlay.de
Startseite
Infos zu Reil/Mosel 
Geschichte Reils 
  Anfänge 
  Mittelalter 
  Kriegswirren 
  19. Jahrhundert 
  20. Jahrhundert 
Bilder von Reil 
Links nach Reil 
Impressum
           
 
   

Gute Leute mit fabelhaftem Weinchen

Auszug aus der Landstreicherreportage von P. C. Ettighoffer: Servus Kumpel. Als Landstreicher durch Städte, Dörfer und Herbergen. Gilde-Verlag Köln, 1932, S. 106-1071

Reil, das tausendjährige Weindorf.

Über Reil habe ich ja schon viel Gutes gehört. Ich weiß, daß es dort ein fabelhaftes Weinchen gibt, weiß auch, daß dort gute Leute wohnen, die einem Kumpel unter Umständen gern mal ein warmes Essen geben. Das kann man so nicht voraussagen, aber immerhin, Reil muß einmal besucht werden. Deshalb mache ich weiter, zwischen Weinbergen und blühenden Wiesengründen hindurch. Eine kleine weiße Kapelle am Wegrand ist für Minuten mein Rastplatz. Hier, in der windgeschützten Kühle der Altarstufen, finde ich zwei schlafende Kunden, zwei alte, unverfälschte Speckjäger, die mich lustig anblinzeln.
"Servus, Kumpel, machste rauf oder runter?"
Ich erkläre, die Mosel hinauf machen zu wollen, und wechsle meine Strümpfe. Die beiden Kunden geben mir gute Ratschläge und bestätigen, daß Reil tatsächlich ein guter Ort ist. Vor Traben-Trarbach und vor Cues warnen sie mich allerdings. Schön, das werden wir schon deichseln. Zuerst mal ab, Richtung Reil.
Nach einer halben Wegstunde zwischen hochaufragenden Weinbergen sehe ich drüben, auf dem linken Moselufer, das tausendjährige Weindorf Reil liegen. Eine langsame Fähre bringt mich hinüber, wofür ich fünf Pfennig zu berappen habe. Zeit darf ich keine mehr verlieren und muß sofort fechten gehen, denn es ist inzwischen schon später Nachmittag geworden.
Gleich an der ersten Haustür, hinter der Schule, beim freundlichen Hauptlehrer, bekomme ich ein Glas Wein und einen ordentlichen Kanten Brot. Beim Nachbarn hält man mir einen schweren Krug mit Haustrunk hin und heißt mich trinken.
Währenddessen sind sie vor dem gegenüberliegenden Haus mit dem Zerkleinern von Holz beschäftigt. Natürlich darf ich dort mithelfen und werde auf den Speicher geschickt, von wo auch die Körbe mit Holz hochgezogen werden. Ich schichte Holz auf, arbeite eine halbe Stunde, bekomme Butterbrot, das unvermeidliche Glas Wein und drei Zigaretten, gehe weiter.
Spreche bei einer Weingroßhandlung vor, bekomme auch hier meinen Trunk und nicht zu knapp, fühle mich gestärkt, ja fast übermütig und mache wohlgemut auf Traben zu. [...]

Zum Abschluss seiner Reise schrieb Ettighoffer (S. 210):

Das Spiel ist aus.
Es gilt nun, Abschied zu nehmen!
Das spießbürgerliche Leben ruft mich zurück.
Seid mir gegrüßt, ihr, die mir Gutes tatet, besonders du, reizendes "Herzchen" und Geburtstagskind von Koblenz, und du brave und tüchtige Hotelköchin aus Briedel, wo es so leckere Frikadellen gibt, und ihr guten Leute aus Reil, dem tausendjährigen Weindorf, und ihr aus Bernkastel und Trier. Ihr habt mich nicht darben lassen und habt euch meiner Schäbigkeit erbarmt.

Erläuterungen:

1P. C. Ettighoffer - Paul Coelestin Ettighoffer (1896-1975) war ein aus dem Elsass stammender Journalist und Schriftsteller, der in den 1930er Jahren vor allem mit Kriegsromanen hohe Auflagen erzielte. Ende der 1920er arbeitete er für den Kölner Stadtanzeiger, der seine Landstreicher-Reportage "Servus Kumpel" 1931 in Fortsetzungen abdruckte. 1932 wurden die Erlebnisse als Buch veröffentlicht. Ettighoffer wanderte demnach von Köln den Rhein aufwärts Richtung Koblenz und weiter die Mosel entlang nach Trier.
zwei schlafende Kunden/Kumpel - im Jargon Bezeichnung für Landstreicher
machste rauf oder runter - machen war im Landstreicherjargon der Ausdruck für wandern, in diesem Fall moselauf- beziehungsweise -abwärts
fechten - Ausdruck für betteln
Eine langsame Fähre - bis zum Bau der Brücke in den 1950er Jahren verband eine Fähre Reil mit dem rechten Moselufer
hinter der Schule, beim freundlichen Hauptlehrer - vermutlich in der Küferstraße, der damalige Lehrer hieß Joseph Steinborn.
 

Zum Anfang dieser Seite Zuletzt aktualisiert am 18.November 2007   © Friedhelm Greis